Raubling und seine Geschichte
In der Frühgeschichte scheint unser Gebiet trotz seiner günstigen Lage keine große Bedeutung gespielt zu haben, denn erst mit dem Ende der Jungsteinzeit (um 2500 v. Chr.) begann im Inntal die Besiedelung durch den Menschen. Teils ansässig, teils nomadisierend, lebten sie von Jagd und Fischerei, Ackerbau und Viehzucht. Werkzeuge wurden noch aus Stein oder Knochen gefertigt. Sie wohnten in Hütten, konnten bereits einfache Tongefäße töpfern und stellten ihre Bekleidung aus gesponnener Wolle her. Mit dem Auffinden und Verarbeiten von Kupfer wird um etwa 2000 v. Chr. die Epoche der Metallzeit eingeleitet. 1983 konnten nördlich von Pfraundorf Siedlungsreste aus der Bronze-zeit entdeckt werden. 1991 kamen bei einem Brückenbau in Raubling Reste einer Hallstatt- und Urnenfelderzeitsiedlung zutage.
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Die Funde einer Bronzeaxt und zweier Bronzeschwerter aus der Umgebung von Pfraundorf und Reischenhart runden das Bild einer stärker einsetzenden Besiedlung des Gemeindegebiets ab. Die Funde stellen bis jetzt die ältesten Zeugnisse aus dem Gemeindegebiet dar und stammen aus einer Zeit von 1250 - 750 v. Chr. Sie sind im Heimatmuseum Rosenheim aufbewahrt, bzw. in Privatbesitz.
Die dominierende Verwendung von Bronze bei der Herstellung von Gerätschaften und Schmuck hat die Geschichte zwischen 2000 und 500 v. Chr. geprägt. Der nun folgende Übergang zur Verwendung von Eisen fällt mit der Zeit der Kelten zusammen. Sie besetzen von Gallien kommend das gesamte Alpenvorland und dringen bis tief in die Alpentäler ein. Sie bringen eine eigenwillige Kultur mit, die sich in einer sozialen Struktur, eigener Religion, regem Handel mit anderen Völkern, Kunst und hochentwickelter Technik, Straßenbau und Münzwesen ausdrückt. Aus dieser Zeit haben sich noch bis heute neben den Bodenfunden unverwechselbare Spuren bei der Namensgebung von Bergen, Flüssen u. ä. erhalten. So sind zum Beispiel die Namen Inn, Prien, Murn, Törwang, Litzldorf, Madron keltischer Herkunft. Der Einfluß der Kelten geht mit der aufsteigenden Macht der Römer zu Ende. 15 v. Chr. besetzen die Römer die keltischen Gebiete in den Alpen und unsere Heimat gelangt in die Macht des Römischen Reiches. Das Gebiet westlich des Inns wurde zur Provinz Rätien, das östliche zur Provinz Norikum. Unser rätisches Gemeindegebiet gehörte also politisch zur Provinzhauptstadt Augsburg - Augusta Vindelicorum. Die Römer hatten durch ihren Sinn für Handel, Verkehr und Organisation weitgehenden Einfluß auf die heimische Bevölkerung. Aus der römischen Zeit stammen viele Ortsgründungen, die hauptsächlich an den Fernstraßen angelegt wurden. Eine dieser Straßen verlief vermutlich durch unser Gemeindegebiet über Happing, Flintsbach nach Niederaudorf.
Im 5. Jahrhundert wird das gesamte weströmische Reich von den Germanen besetzt. 488 n. Chr. wandert die römische Bevölkerung, soweit sie sich nicht mit Einheimischen vermischt hat, nach Italien ab.
Die Bajuwaren beherrschen und besiedeln nun unsere Gegend. Als archäologische Kennzeichen dieser Epoche erscheinen die sogenannten Reihengräber, Skelettbestattungen mit dem Kopf nach Westen. Solche Gräber wurden beim Bau einer Wasserleitung von Kirchdorf nach Raubling aufgefunden. Die Toten waren zum Teil mit ihren Waffen, der eisernen Sax, einer einschneidigen Hiebwaffe oder der zweischneidigen Spatha, sowie Schmuck in Form von Glasperlen und Gewandfibeln ausgestattet. Mit der fortschreitenden Christianisierung werden dann die Reihengräber beigabenlos und befinden sich nur noch in eigenen Friedhöfen um die bestehenden Ortskirchen. Dort hat sich die Reihengräberzeit praktisch bis heute erhalten.
An die letzten archäologischen Belege knüpfen nun die ersten urkundlichen Zeugnisse an. So wird die Ortschaft Raubling in einem Schenkungsbuch des Hochstifts Freising, für die Zeit von 778 - 783, erwähnt.
Der Priester Willipato, ein Begünstigter des Herzogs Tassilo, schenkt zwei Güter in Raubling und Aising dem Bischof von Freising. Gesicherte urkundliche Erwähnungen liegen auch für Pfraundorf (Phrundorf) 1190 und Reischenhart (Riskinhart) 915 vor.
Bild: Willipato schafft Ausgleich: Audorf gibt er an Salzburg, Raubling und Pang an seinen eigenen Bischof in Freising (Bayer. Hauptstaatsarchiv HL Freising 3a)
Die Ortschaften Kirchdorf, Redenfelden, Groß- und Kleinholzhausen sind wahrscheinlich auch sehr früh urkundlich erwähnt, eine eindeutige Aussage ist aber wegen der Verwechslungsgefahr mit gleichlautenden anderen Ortschaften nicht möglich.

Bild: Codex Falkensteinensis
Nach dem Tode des letzten Falkensteiners nahmen die Wittelsbacher die Macht an sich. 1255 wird Bayern durch einen Erbstreit in die Herzogtümer Oberbayern und Niederbayern aufgeteilt. Unser Gebiet kommt zum Herzogtum Oberbayern unter Ludwig dem Strengen.
In der folgenden Zeit zeichnet sich ein düsteres Bild: Hungersnöte, Pest, Überschwemmungen, Unwetter, Truppendurchzüge und plünderndes Gesindel erschwerten das schon harte Leben. In Großholzhausen erinnert ein Kreuz an der Pestkapelle daran, daß 1611 fast die gesamte Ortschaft durch die Pest ums Leben kam und nur 12 Personen der Seuche entrinnen konnten. Die Gedenktafel der Pestsäule in Pfraundorf an der Seestraße berichtet, daß die Pestjahre von 1623 - 1635 nur 7 Menschen überlebten.
Mit dem Ausbau der Heeres- und Handelsstraßen von Aibling über Hochstraß nach Oberaudorf gewinnt unser Gewerbe an neuer Bedeutung. Handwerk und Gewerbe siedeln sich an und stärken dadurch die Wirtschaftsstruktur. So sind Kistler, Schmied, Weber, Hafner, Wagner, Müller und bereits die ersten Wirte bezeugt. Einen wesentlichen Einfluss nimmt nun auch die Innschifffahrt. Sie erreicht im 14. bis 16. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Besonders aus Pfraundorf sind viele Schiffmeister und Schiffleute bekannt. Da verwundert es nicht, daß die Kirche in Pfraundorf dem heiligen Nikolaus, dem Schutzpatron der Schiffleute und Flößer, geweiht ist. Erst mit der Regulierung des Inns und der Konkurrenz durch den Eisenbahnverkehr verliert die Innschiffahrt an Bedeutung, bis sie 1938 mit den letzten Holzfloßfahrten von Tirol nach Bayern ganz eingestellt wird.
Bild: Innschiffmarterl
Der Inn brachte aber nicht nur seinen Segen als Handelsweg. Auf ihm wurden auch Truppen für zahlreiche Kriege transportiert, die bei uns sicher nicht ohne Spuren vorübergingen. Allein im spanischen und österreichischen Erbfolgekrieg (1701 - 1705; 1741 - 1748) mußten die Inntalorte über 100 Truppendurchzüge erdulden. Was dies heißt, veranschaulicht die Tatsache, dass damals die Heere von dem lebten, was sie der Bevölkerung entreißen konnten. Diese lebte aber sowieso in einfachsten Verhältnissen. Im Durchschnitt hatte jeder Bauer nur ein bis zwei Pferde, sechs bis acht Kühe, einige Schafe und meist ein Schwein für den Eigenbedarf. Unter Napoleon war es nicht anders. Marschall Moreau begann am 28. November 1800 mit einem Heer in vier Zügen den Bereich zwischen Alpen und Donau zu besetzen. Nach der Schlacht bei Hohenlinden zog ein Heer von 40.000 Mann unter General Lecourbe über Rosenheim nach Redenfelden, überquerte in der Nacht vom 8. auf den 9. Dezember 1800 auf einer Schiffsbrücke den Inn und besetzte damit das gesamte Inntal. Die sog. »Franzosensäule« an der Bundesstraße in Redenfelden erinnert an dieses Ereignis. Mit dem Ende des französischen Machteinflusses begann für die bayer. Gemeinden eine positive Aufwärtsentwicklung. Das Gemeindeedikt vom 17. 5. 1818 brachte eine erste Gebietsreform und damit Neugliederung der Gemeinden mit sich. So entstanden die Gemeinden Großholzhausen, Kirchdorf, Pfraundorf und Reischenhart. Die Gemeinden bekamen einen umfassenden eigenen Wirkungskreis und zusätzlich staatliche Hoheitsaufgaben übertragen. Daraus entwickelte sich ein reges Gemeindeleben und damit ein großer Schritt in die Neuzeit.
Bild: Franzosensäule in Redenfelden
Die Technik hält ihren Einzug. Am 5. 8. 1858 wird als eine der ersten Strecken in Bayern die Eisenbahnlinie Rosenheim-Kufstein eröffnet.
Der größte Teil des Güterverkehrs wird nun über die Bahn abgewickelt. Der für den Betrieb der Eisenbahn erforderliche Brennstoff wird in Form von Torf gewonnen. 1877 beginnt deshalb in Nicklheim die Königliche Torfgewinnungsanstalt Raubling industriemäßigen Torfabbau, der bis 2006 betrieben wurde.

Bild: Torfwerk in Nicklheim
Die wohl größte wirtschaftliche Auswirkung für den gesamten Gemeindebereich brachte 1909 die Fertigstellung der Papierfabrik in Redenfelden mit sich. Die große Zahl an Arbeitsplätzen brachte eine sprunghafte Mehrung der Bevölkerung und damit auch einen Wandel in der Bevölkerungsstruktur.

Bild: Papierfabrik in Redenfelden, Zentrale- und Bürobau - August 1908
Aus den Bauerndörfern Redenfelden und Raubling wurden Industrieorte.
Da sich der Ortsteil Raubling dadurch stärker entwickelte, Bahnhof, Post und Rathaus die Zentralität unterstreichen, wurde 1953 der Gemeindename Kirchdorf in Raubling umbenannt. Im Rahmen der Gemeinde-Gebietsreform wurden 1978 die Gemeinden Großholzhausen, Pfraundorf und Reischenhart eingemeindet.
Die Gemeinde Raubling ist mit knapp 12.000 Einwohnern die fünftgrößte Gemeinde im Landkreis Rosenheim. Zu Raubling zählen 12 Ortsteile, die sich ihren individuellen Charakter bewahrt haben.

